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Das glücklichste Volk der Welt

Das glücklichste Volk der Welt - eine Buchrezension aus DER KNAUSERER, 08/2013:

Über facebook bekam ich folgenden Hinweis auf Daniel Everett, der ein Buch über das glücklichste Volk der Welt schrieb. Das Filmchen überzeugte mich, dass das Buch gelesen werden muss.

Es ist für Linguisten sicher sehr interessant, sonst würde ich den Kauf nicht so empfehlen. Die Kultur der Piraha ist sehr einfach, aber sicher nicht uninteressant. Man muss sich darauf einlassen, dass es diesen Lebensentwurf auch gibt und er offenbar ein erfolgreicher ist, denn er macht die Menschen glücklich - um nicht zu sagen glücklicher.

Im Buch charakterisiert Everett ein Volk, das über eine ganz besondere Sprache verfügt, die ihre ganz besondere Einstellung zum Leben widerspiegelt, die so ganz anders ist als unser Denken. Bei den Piraha dominiert das Hier und Jetzt - Vergangenheit, Zukunft gibt es nicht. Auch sehr erstaunlich ist der Umstand, dass die Piraha weder zählen (es gibt nur eins oder viele/genug viele), keine Farben kennen, es keinen Numerus gibt, etc. Jedenfalls haben die Indianer den guten Dan gehörig umgekrempelt und ich möchte nun ihm das Wort überlassen:

Bereits zu Beginn zieht er interessante Schlüsse wie diesen, wohl das Geheimnis, warum er so tiefen Einblick in das Leben der Piraha nehmen konnte:

"Ich besaß viel, viel mehr als sie, aber als ich mein eigenes Verhalten genauer unter die Lupe nahm, wurde mir klar, dass ich angespannter, weniger aufgeschlossen, weniger gastfreundlich war als viele Menschen. Und dabei war ich Missionar. Ich hatte noch eine Menge zu lernen."

Dennoch erkrankten Frau und Kind an Malaria. Als sie mit knapper Not überlebten, zieht er einen sehr westlichen Schluss: "Ich war verletzt, dass die Piranha für mich und meine Situation nicht mehr Mitgefühl erkennen ließen."

Erkennt aber sehr bald: "Während ich in meiner eigenen Krise steckte, kam ich nicht auf die Idee, dass die Piraha das, was ich auf so quälende Weise erlebte, regelmäßig durchmachten. ... Wenn bei den Piraha jemand krank wird, spielt es keine Rolle, wie leicht sich die Krankheit mit abendländischer Medizin behandeln ließe. Es besteht die große Wahrscheinlichkeit, dass die betroffene Person stirbt. Bei einer Bestattung eines Piraha kommen auch nicht viele Nachbarn und Mitglieder der Familie zusammen. Ganz gleich, ob die Mutter, das Kind oder der Ehemann stirbt - man muss jagen, Fische fangen und Nahrung sammeln. Das nimmt einem kein anderer ab. Das Leben macht vom Tod kein großes Aufheben."

Er reüssiert dann weiter: "Und wir rechnen nicht nur damit, dass wir länger leben, wir halten es auch für unser gutes Recht. ... Aber ich habe nie erlebt, dass ein Piraha sich so verhält, als hätte der Rest der Welt die Pflicht, ihm in seiner Not zu helfen, oder als sei es notwendig, die normalen Alltagstätigkeiten hintanzustellen, weil jemand krank ist oder im Sterben liegt. Das ist keine Hartherzigkeit, sondern Pragmatismus. Und den hatte ich bisher noch nicht gelernt."

Die Piraha bauen auch keine Häuser. Sie brauchen sie nicht, denn so etwas wie Privatsphäre ist ihnen nicht wichtig.
Die Piraha haben auch kaum materielle Kultur: "Sie stellen kaum Werkzeuge her, kennen so gut wie keine Kunst und nur sehr wenige Handwerksprodukte. Vielleicht die auffälligsten Gerätschaften sind die großen, leistungsfähigen, etwa zwei Meter langen Bogen und die dazugehörigen, zwei bis drei Meter langen Pfeile." Und selbst wenn sie Handwerkserzeugnisse herstellen, so stellen sie nichts von langer Lebensdauer her. Körbe flicht man aus nassen Palmenblättern, die nach zwei bis dreimaliger Verwendung trocken sind und weggeworfen werden.

Ihre Bindung an materielle Dinge ist sehr gering. Als einziger Schmuck dienen - so Mr. Everett - grobe, unästhetische Ketten, die aber keine dekorative Wirkung hätten, sondern Geister abwehren sollten.

Obwohl sie Kenntnisse zur Haltbarmachung von Lebensmittel hätten, tun sie das aber nicht. "Ich habe im Amazonasgebiet nie eine andere Bevölkerungsgruppe gesehen, die nicht regelmäßig ihr Fleisch pökelt oder räuchert. Die Piraha verbrauchen alles, sobald sie es gejagt oder gesammelt haben. Sie heben nichts auf." Sie betreiben keine Vorratshaltung.

Piraha essen aber auch nicht täglich. Drei regelmäßige Mahlzeiten kennen sie nicht, und sie empfinden das auch als unmäßige Fresserei. Sie ernähren sich von Fisch, Bananen, Wild, Maden, Paranüssen, Zitteraalen, Ottern, Kaimanen, Insekten, Ratten - die Ernährung besteht zu 70 % aus frischem Fisch. Getrunken wird das klare Wasser aus dem Fluss.

Sehr ungewöhnlich beschreibt Everett auch den Schlaf-Wach-Rhythmus der Piraha: "Ein Fisch, den jemand um drei Uhr morgens fängt, wird auch um diese Zeit gegessen. Sobald er gebracht wird, stehen alle auf und nehmen die Mahlzeit ein." Irgendjemand sei im Dorf immer wach, zu jeder Tages- und Nachtzeit herrscht im Dorf reges Treiben. Eine Nacht durchzuschlafen, halten die Piraha für ungewöhnlich.

Everett fällt auch auf, dass niemand bei den Piraha mehr als 20 Stunden die Woche arbeitet - "aber die Tätigkeit [des Sammelns und Jagens] macht den Piraha Spaß und lässt sich kaum unter den westlichen Begriff von Arbeit einordnen."

Zusammenfassend stellt er zur materiellen Kultur fest: "dass Planung für die Zukunft ihnen weniger wichtig ist als der Spaß an jedem einzelnen Tag. Deshalb investieren sie immer nur so viel Anstrengung, wie es für ein minimales Resultat gerade notwendig ist."

So wird es auch wenig verwunderlich, dass die Piraha auch keine Rituale kennen. Und so wird auch die zentrale Philosophie ihres Lebens klarer: "des Prinzips des unmittelbaren Erlebens“. Dieses Prinzip besagt, dass formelhafte sprachliche Formulierungen und Tätigkeiten, die sich auf nicht unmittelbar erlebte Ereignisse beziehen, vermieden werden.

Warum sind die Piraha so glücklich? Einen Erklärungsversuch ringt sich Everett ab, der mir sehr gut gefällt: "Es liegt nicht daran, dass ihr Leben einfach wäre, sondern eher daran, dass sie alles, was sie tun, gut können." (Ich kommentiere hier nicht - aber der Satz hat was!)

Das zieht auch mit sich, dass die Kultur der Piraha sehr konservativ gegenüber technischen Neuerungen ist: Sie sammeln zwar Elemente von außen ein. "Wenn solche Gerätschaften sich nicht ohne weiteres in die traditionellen Verfahrensweisen der Priaha integrieren lassen, werden sie abgelehnt."

Das Familiensystem ist einfach, weder patriarchal noch matriarchal, jeder kennt jeden. Wichtig ist die stabile Kernfamilie. "Kinder sind in ihrer Gesellschaft einfach Menschen und haben den gleichen Anspruch auf Respekt wie jeder Erwachsene. Man hält sie nicht für besonders schmuse- oder schutzbedürftig. Sie werden fair behandelt und man berücksichtigt ihre geringere Größe und Körperkraft, aber im Großen und Ganzen hält man sie qualitativ nicht für etwas anderes als die Erwachsenen. ... Durch ihre Erziehung lernen sie, dass jeder seine eigene Last zu tragen hat, und das führt zu einer Gesellschaft aus zufriedenen Menschen."

Was aber die Piraha wieder sehr einzigartig macht, ist der Umstand, dass sie keinen Häuptling haben. Im Zentrum steht die Gleichberechtigung aller, autoritäre Einflussnahme ist ihnen fremd. So gibt es keine Polizei oder Gerichte. Wer sich anormal verhält, wird für kürzere oder längere Zeit geächtet, was im Dschungel durchaus auch einem Todesurteil gleichkommen kann, weil eine geächtete Person von der Lebensmittelverteilung ausgeschlossen wird.

Das Kapital Geisterwelt, das Fehlen von Folklore und Überlieferung aufgrund des Prinzip des unmittelbaren Erlebens möchte ich auslassen. In diesem Kapitel hat mir aber der Satz sehr gefallen, weil ich das als Manko bei uns durchaus sehe: "Für die Piraha ist ein Mensch nicht in allen Phasen seines Lebens derselbe. Wenn man durch einen Geist einen neuen Namen annimmt, so ist man nicht mehr genau derselbe Mensch wie zuvor.

"Sie glauben auch nicht an einen Himmel über uns, an eine Hölle unter uns oder irgendeine abstrakte Sache, für die zu sterben sich lohnt. Damit verschaffen sie uns die Gelegenheit, darüber nachzudenken, wie ein Leben ohne absolute Werte, ohne Rechtschaffenheit, Heiligkeit und Sünde aussehen könnte. Es ist eine reizvolle Vision."

Mit diesem schönen Satz von Everett möchte ich hier enden - und diesen so anderen Gesellschaftsentwurf zur Diskussion stellen. Spannend war das Eintauchen in eine andere Philosophie jedenfalls.
Zum Buch "Das glücklichste Volk. Sieben Jahre bei den Piraha-Indianern am Amazonas"

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© Copyright: Der Knauserer / Roland Benn
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