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Der Osterhase im Jahr 2015

Sozialarbeiterin: Sie suchen also wieder eine Anstellung als Eierverträger?

Osterhase: Ja.

Sozialarbeiterin: Und wie lange sind Sie jetzt schon arbeitslos?

Osterhase: Seit knapp einem Jahr.

Sozialarbeiterin: Haben Sie sich in diesem Jahr wenigstens weitergebildet?

Osterhase: Wie kann man sich denn als Osterhase weiterbilden?

Sozialarbeiterin: Na hören Sie mal! Heute brauchen Sie für diesen Job einen Fachhochschulabschluss.

Osterhase: Einen Fachhochschulabschluss?

Sozialarbeiterin: Ja, mindestens einen „Master of Osterhase“.

Osterhase: Aber ich bin doch Osterhase.

Sozialarbeiterin: Nicht in einer akademisierten Gesellschaft.

Osterhase: Was ist denn eine akademisierte Gesellschaft?

Sozialarbeiterin: Man ist nicht mehr, was man ist, sondern nur noch, wofür man gilt.

Osterhase: Aber man muss doch als Osterhase nur Eier verstecken können.

Sozialarbeiterin: Das war einmal. Seit das Bundesamt für Umverteilung und Osterverkehr (UVEK) zwecks Effizienzsteigerung das individuelle Eierverstecken aufgehoben und die lokalen Osterhasen entlassen hat, konnten in der zentralen Eierverwaltung viele neue Kaderstellen für besser qualifizierte Osterhasen geschaffen werden.

Osterhase: Was ist ein besser qualifizierter Osterhase?

Sozialarbeiterin: Ein Osterwissenschafter.

Osterhase: Und was tun die in der Eierverwaltung?

Sozialarbeiterin: Die zentralen Eierabgabezentren, wo die osterfeiernde Bevölkerung auf Voranmeldung die jeweils zugeteilten Eier abholen kann, müssen kontrolliert, die Eier normiert und die Kunden zwecks statistischer Erfassung registriert werden. Es gilt eine Verteilgerechtigkeit herzustellen.

Osterhase: Und was muss man da als Osterhase können, um in der zentralen Eierverwaltung zu arbeiten?

Sozialarbeiterin: Sie müssen sich auskennen in Lebensmittelkontrolle, Hygienevorschriften, Logistik und Marketing...

Osterhase: Wozu muss man als Osterhase etwas von Marketing verstehen?

Sozialarbeiterin: Die zentralen Eierabgabezentren verteilen Gratisflugblätter mit Eierfärbtipps, Energiesparkochanweisungen und Suchprävention.

Osterhase: Suchprävention?

Sozialarbeiterin: Der Bürger wird dringend angehalten, die Eier so zu verstecken, dass er sie nachher auch wieder findet. 

Osterhase: Warum? Das ist doch egal.

Sozialarbeiterin: Bei einem selbstverschuldeten Verlust wird das amtlich vergebene Osterei nicht ersetzt.

Osterhase: Also früher war das alles irgendwie einfacher...

Sozialarbeiterin: Aber das war doch kein Leben früher! Frühmorgens aufstehen, bei Regen durch die nassen Hecken hüpfen... Als Verwaltungsosterhase kriegen Sie ein gemütliches, trockenes Büro mit Kunstzimmerpflanze.

Osterhase: Und was ist mit den Kindern?

Sozialarbeiterin: Kinder? Welche Kinder?

Osterhase: Die Kinder, die sich auf den Osterhasen freuen und im Garten Eier suchen.

Sozialarbeiterin: Was haben Kinder im Garten zu suchen?

Osterhase: Na, Ostereier natürlich.

Sozialarbeiterin: Auf keinen Fall. Kinder gehören nicht in den Garten, Kinder gehören in die Kinderkrippe.

Osterhase: Ich glaube, es ist Zeit, den Beruf zu wechseln. Die öffentliche Verwaltung scheint mir ein gutes Versteck für faule Eier zu sein. Gibt es wenigstens in der Privatwirtschaft freie Stellen für alte Hasen?

Sozialarbeiterin: Verstehen Sie etwas von Informatik?

Osterhase: Wieso?

Sozialarbeiterin: Bei den Banken in der Schweiz sucht man jede Menge alte Hasen, die wissen, wie man Kundendaten versteckt.

© Copyright: Von: Andreas Thiel, Jahrgang 1971, ist Schriftsteller und Kabarettist. Der gebürtige Berner lebt in Island.
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